| Und sie tauften ihn Itzi, den Lößbauern und Bandkeramiker aus Hildesheim |
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In Anlehnung an den mehr als 2000 Jahre jüngeren Ötzi, die Gletschermumie vom Hauslabjoch, tauften Schülerinnen und Schüler der Friedrich-List-Schule ihren Artgenossen „Itzi“, den Lößbauern vom Innerstetal bei Hildesheim. Wie kam es dazu?Im Geschichtsunterricht waren die großen Zäsuren der Menschheitsgeschichte angesagt, die Epoche der jungsteinzeitlichen Revolution gehörte dazu. Es war dies die Übergansperiode von der aneignenden Wirtschaftsweise nomadisierender Jäger und Sammler zur produzierenden, vorratsbildenden und sesshaften Lebensweise von Ackerbauern und Viehzüchtern. Ein großartiger Versuch des homo sapiens, seine tradierte Ernährungsweise, Erwerbswirtschaft und gesellschaftliche Ordnung völlig auf den Kopf zu stellen, um auf Dauer von den Erträgnissen des Bodens und arbeitsteiliger Produktion seine Nahrung, Kleidung und Wohnung zu sichern. Günstige Voraussetzungen boten hierfür die fruchtbaren und leicht bearbeitbaren Lössböden der norddeutschen Mittelgebirgshänge. Und da kamen die ersten Presseberichte über die spektakulären Ausgrabungen auf der Hohen Rohde gerade recht. Begierig fahndeten die Schülerinnen und Schüler der Klasse 11 G des Wirtschaftsgymnasiums nach den ersten archäologischen Ergebnissen, ordneten diese in ihren bisherigen Kenntnisstand ein und wiesen ihnen historische Bedeutung zu.So trat Verwunderung ein, als scharfkantige Feuersteine handgreiflich auf ihre Gebrauchstauglichkeit getestet wurden: als Schneid- und Schabwerkzeug, als Speerspitze zur Jagd und im Sippenkrieg und als Schlagstein zur Feuererzeugung war der Flint bzw. Silex vielfältig einsetzbar. Kein Wunder, dass dieser Kieselstein begehrtester Handelsartikel über Entfernungen bis zu 300 Kilometern wurde, denn seine Abbaustätten lagen zwischen Ruhr und Lippe, im Maasgebiet und auf der Insel Rügen. Für die Jungarchäologen bargen des Weiteren die naturwissenschaftlichen Datierungsmethoden wie Dendrochronologie, Radiokarbonmethode und Pollen-analyse überraschende Vorgehensweisen und Techniken. Wiesen bislang Natur- und Geisteswissenschaftler traditioneller Weise gewisse Animositäten auf, so können sie doch im Bereich der Historie fruchtbar zusammen arbeiten und erstaunliche Ergebnisse erzielen. Inzwischen verdichtete sich die Hildesheimer Berichterstattung über bandkeramische Siedlungsfunde wie ausgehöhlte Mahlsteine, polierte Flachhacken, typisch verzierte Gebrauchskeramik und Hinweisen auf 30 Meter lange und 5 bis 6 Meter breite Holz-Lehm-Bauten. Eine Fundgruppe allerdings ließ noch auf sich warten: Wenn an diesem Ort offensichtlich die ersten Hildesheimer Agrarproduzenten lebten, litten und arbeiteten, dann müssen sie auch hier verstorben sein. Wo aber lagen ihre Grabstätten? Dann endlich, Mitte November 2006, erblickten die langersehnten Überreste neolithischer Ackerbauern nach ca. 7500 Jahren wieder das Tageslicht. Hervorragend konservierte Gebisse und - selbst für Laien gut erkennbare - Schädelfragmente sowie Schenkel-, Arm- und Beckenknochen eines unverbrannten Leichnams in einfacher Grabgrube blitzten aus dem Löss. Damit wären die Hildesheimer Toten reichlich 2000 Jahre älter als „Ötzi“, dem Gletschermann vom Similaun. Eine Spontantaufe von Johanna Kuhlemann, Schülerin der 11 G, schenkte ihm den Namen „Itzi“. Der Südtiroler ist mittlerweile zum Publikumsmagneten Norditaliens mutiert und der Hildesheimer „Itzi“ zur näheren Laboruntersuchung abtransportiert. Für die jungen Forscher ergab sich daraus ein fast selbstverständlicher Auftrag an die lokale Politik des Jahres 2007: Wir wollen unseren „Itzi“ wieder haben, tot und konserviert, präpariert und präsentiert im Knochenhaueramtshaus. Drei Gründe sprechen dafür:
Jetzt heißt es, wachsam sein, die Politik muss rechtzeitig und klug handeln, denn schon einmal ist den Hildesheimern ein Schatz entführt worden, damals von den Preußen, heute zu bewundern in Berlin. Und noch eins: Wenn schon der Kosename des viel jüngeren „Ötzi“ sich inzwischen als lexikonfähig und gerichtsfest erwies, welches Potenzial steckt dann erst im älteren bandkeramischen „Itzi“, dem Künstler, Techniker und Frühbauern aus Hildesheim. Alles andere als ein Primitivling könnte er zudem religiöse Empfindungen besessen haben: Hund und Schweinekopf im Dreiergrab eines Erwachsenen in Hockstellung mit zwei Kindern verweisen auf konkrete Jenseitsvorstellungen nach dem Ableben. Der Winter hat eben nicht das letzte Wort, denn die bäuerliche Erfahrung weiß vom wiederkehrenden Frühling und pausenloser Fruchtbarkeit an dem die Toten in der „Mutter Erde“ teil haben. Vielleicht liegt gerade in diesen gedanklichen Synthesen von ritueller Bodenbearbeitung und stetiger Wiedergeburt, den ewigen Rhythmen von Tod und Leben universalgeschichtlich die eigentliche Bedeutung der Entdeckung des Ackerbaus in der Jungsteinzeit. Werner Dicke, Dipl-Hdl., StR Friedrich-List-Schule, 30. Nov. 2006 Hören Sie dazu den folgenden Rundfunkbeitrag: Und sie tauften ihn Itzi... |



Günstige Voraussetzungen boten hierfür die fruchtbaren und leicht bearbeitbaren Lössböden der norddeutschen Mittelgebirgshänge. Und da kamen die ersten Presseberichte über die spektakulären Ausgrabungen auf der Hohen Rohde gerade recht. Begierig fahndeten die Schülerinnen und Schüler der Klasse 11 G des Wirtschaftsgymnasiums nach den ersten archäologischen Ergebnissen, ordneten diese in ihren bisherigen Kenntnisstand ein und wiesen ihnen historische Bedeutung zu.
Für die Jungarchäologen bargen des Weiteren die naturwissenschaftlichen Datierungsmethoden wie Dendrochronologie, Radiokarbonmethode und Pollen-analyse überraschende Vorgehensweisen und Techniken. Wiesen bislang Natur- und Geisteswissenschaftler traditioneller Weise gewisse Animositäten auf, so können sie doch im Bereich der Historie fruchtbar zusammen arbeiten und erstaunliche Ergebnisse erzielen. Inzwischen verdichtete sich die Hildesheimer Berichterstattung über bandkeramische Siedlungsfunde wie ausgehöhlte Mahlsteine, polierte Flachhacken, typisch verzierte Gebrauchskeramik und Hinweisen auf 30 Meter lange und 5 bis 6 Meter breite Holz-Lehm-Bauten. Eine Fundgruppe allerdings ließ noch auf sich warten: Wenn an diesem Ort offensichtlich die ersten Hildesheimer Agrarproduzenten lebten, litten und arbeiteten, dann müssen sie auch hier verstorben sein. Wo aber lagen ihre Grabstätten? Dann endlich, Mitte November 2006, erblickten die langersehnten Überreste neolithischer Ackerbauern nach ca. 7500 Jahren wieder das Tageslicht. Hervorragend konservierte Gebisse und - selbst für Laien gut erkennbare - Schädelfragmente sowie Schenkel-, Arm- und Beckenknochen eines unverbrannten Leichnams in einfacher Grabgrube blitzten aus dem Löss.
Damit wären die Hildesheimer Toten reichlich 2000 Jahre älter als „Ötzi“, dem Gletschermann vom Similaun. Eine Spontantaufe von Johanna Kuhlemann, Schülerin der 11 G, schenkte ihm den Namen „Itzi“. Der Südtiroler ist mittlerweile zum Publikumsmagneten Norditaliens mutiert und der Hildesheimer „Itzi“ zur näheren Laboruntersuchung abtransportiert. Für die jungen Forscher ergab sich daraus ein fast selbstverständlicher Auftrag an die lokale Politik des Jahres 2007: Wir wollen unseren „Itzi“ wieder haben, tot und konserviert, präpariert und präsentiert im Knochenhaueramtshaus. Drei Gründe sprechen dafür: